Ein Brief an die Gemeinde: Ein Knecht Christi schreibt:
Ihr Getreuen des Herrn, ich wende mich heute an euch mit einem schweren Herzen, denn ich sehe mit Sorge, wie in unserer Christenheit Spaltung und Verhärtung zunehmen. Wo einst Geschwisterlichkeit und die Liebe Christi das Band der Gemeinschaft bildeten, da herrschen nun allzu oft Misstrauen, Urteil und jenes gefährliche Denken, das nur noch Freund oder Feind kennt.
Ihr wisst, was unser Herr Jesus Christus geboten hat: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen“ (Matthäus 5,44). Dies ist keine Empfehlung für fromme Stunden, sondern das Herzstück unseres Glaubens. Doch wie oft vergessen wir diese Worte, sobald wir auf Christen treffen, die anders denken, anders glauben oder andere Wege gehen als wir selbst.
Aber das gilt nicht nur für unsere Brüder und Schwestern, sondern auch außerhalb der Gemeinden. Denn die Liebe Christi macht keinen Halt an unseren Grenzen, unseren Gruppen, unseren Traditionen oder unseren Überzeugungen. Sie fragt nicht zuerst, ob jemand „zu uns gehört“, ob er unsere Sprache spricht, unsere Frömmigkeit teilt oder unsere Sicht der Dinge versteht. Die Liebe Christi sucht den Menschen – nicht die Übereinstimmung.
Und gerade dort, wo wir meinen, uns abgrenzen zu müssen, ruft uns der Herr hinein in seine Weite. Er erinnert uns daran, dass jeder Mensch, der uns begegnet, ein Geschöpf Gottes ist, getragen von derselben Sehnsucht nach Frieden, nach Annahme, nach Wahrheit. Auch der, der uns verletzt. Auch der, der uns missversteht. Auch der, der uns ablehnt.
Denn christliche Liebe beginnt nicht dort, wo es leicht ist, sondern dort, wo wir innerlich straucheln. Sie zeigt sich nicht zuerst in unseren Liedern, Gebeten und Bekenntnissen, sondern in der Art, wie wir mit denen umgehen, die uns herausfordern. Sie zeigt sich darin, ob wir bereit sind, den ersten Schritt zu tun, auch wenn der andere ihn nicht erwidert. Ob wir segnen, wo wir lieber schweigen würden. Ob wir vergeben, wo wir lieber festhalten würden. Ob wir Frieden suchen, wo unser Herz nach Recht ruft.
Denn unser Herr hat uns nicht berufen, die Welt zu spiegeln, sondern ihn. Nicht zu reagieren wie alle anderen, sondern zu handeln wie Kinder des Vaters. Nicht zu lieben, weil der andere es verdient, sondern weil Christus uns zuerst geliebt hat.
Die Schrift sagt uns klar: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kolosser 3,12-13). Wie viel Geduld üben wir noch mit unseren Brüdern und Schwestern? Wie schnell sind wir bereit zu vergeben? Und wie oft sehen wir in unserem Nächsten noch das Ebenbild Gottes?
Wir leben in einer Zeit, in der viele von uns das Evangelium auf Moral reduzieren und fromme Bibelverse wie Waffen einsetzen, anstatt sie als Quelle der Gnade und Umkehr zu begreifen. Wir predigen Rechtschaffenheit, aber leben wir die Barmherzigkeit? Wir fordern Treue zum Wort, aber vergessen wir nicht das erste Gebot der Liebe?
Der von mir geschätzte Mitbruder Martin Luther hat uns gelehrt, dass wir alle zugleich Gerechte und Sünder sind, simul iustus et peccator. Keiner von uns steht so fest, dass er über den anderen richten dürfte. Keiner von uns ist so rein, dass er den Bruder oder die Schwester aus der Gemeinschaft stoßen dürfte, weil sie nicht unserer Meinung sind. Unser Herr und Heiland mahnt uns eindringlich: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7,1). Und weiter: „Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn“, (Römer 14,4), so der Heilige Apostel Paulus.
Ich sehe, wie Christen sich voneinander abwenden, weil der eine so und der andere anders denkt. Ich sehe, wie aus Meinungsverschiedenheiten Feindschaft wird und aus Feindschaft Verbitterung. Doch Christus hat nicht für Parteien geblutet, sondern für die ganze Menschheit. Er hat nicht eine Gruppe erwählt und die andere verstoßen. Er hat sich für alle hingegeben. Paulus sagt hierzu: „Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23).
Und darum frage ich dich – und mich selbst: Wie können wir uns erheben, wenn wir doch selbst täglich der Gnade bedürfen? Wie können wir den Splitter im Auge des anderen beklagen, während der Balken im eigenen Herzen unbemerkt bleibt? Wie können wir den Bruder verurteilen, den Christus mit seinem Blut erkauft hat? Wie können wir die Schwester verachten, die der Herr mit derselben Liebe trägt wie uns?
Haben wir vergessen, dass wir alle vom selben Brot leben, vom selben Herrn gehalten, vom selben Geist erneuert werden? Haben wir vergessen, dass Christus uns nicht nach unserer theologischen Präzision, sondern nach unserer Liebe erkennen will? Haben wir vergessen, dass die Welt nicht an unseren Streitigkeiten, sondern an unserer Einheit erkennen soll, dass wir seine Jünger sind? Und wie wollen wir die Menschen außerhalb unserer Gemeinden erreichen, wenn wir nicht einmal untereinander Frieden halten? Wie sollen sie an die Liebe Christi glauben, wenn sie in uns nur Härte, Abgrenzung und Rechthaberei sehen? Wie sollen sie Vertrauen fassen, wenn wir selbst einander misstrauen? Wie sollen sie Hoffnung finden, wenn wir uns gegenseitig die Türen zuschlagen?
Ich rufe euch auf: Kehrt um von diesem Weg der Verhärtung. Legt ab das Schwarz-Weiß-Denken, das euch blind macht für die Wahrheit, dass auch der Andersdenkende euer Bruder, eure Schwester ist. Geht aufeinander zu, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit ausgestreckter Hand. Hört einander zu, nicht um zu widerlegen, sondern um zu verstehen. Und vor allem: Betet füreinander, denn „das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist“ (Jakobus 5,16).
Vergesst nicht, dass unsere Einheit nicht in unserer Vollkommenheit gründet, sondern in Christus allein. Er ist das Fundament, auf dem wir stehen. Er ist die Mitte, um die wir uns versammeln. Ohne ihn zerfallen wir in tausend Splitter. Mit ihm aber sind wir eins, auch in unserer Verschiedenheit. Der Heilige Paulus sagt: „Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus“ (1. Korinther 12,12).
Es ist wahr, dass wir in der Wahrheit des Evangeliums fest stehen müssen. Doch Wahrheit ohne Liebe ist hart und kalt wie Stein. Und Liebe ohne Wahrheit ist leer und haltlos. Beide gehören zusammen, wie Christus selbst Wahrheit und Liebe in seiner Person vereint hat. „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ (Epheser 4,15), ermahnt uns Paulus.
So wichtig Bibeltreue auch sein mag, sie kann und darf niemals die Liebe ersetzen oder aussetzen. Was nützt es, wenn wir jedes Wort der Schrift richtig zitieren, aber das Herz des Herrn verfehlen? Was nützt es, wenn wir die Lehre verteidigen, aber den Bruder verlieren? Was nützt es, wenn wir die Wahrheit hochhalten, aber die Liebe fallen lassen? Haben wir vergessen, dass die Wahrheit uns nicht gegeben wurde, um zu verletzen, sondern um zu heilen? Haben wir vergessen, dass die Liebe uns nicht geschenkt wurde, um zu beschwichtigen, sondern um zu tragen? Haben wir vergessen, dass Christus selbst die Wahrheit in Liebe gesprochen hat – und die Liebe in Wahrheit?
Und seien wir doch ehrlich: Manchmal reden wir von „Standhaftigkeit“, wo in Wahrheit nur Härte ist. Manchmal nennen wir es „Treue zur Schrift“, wo in Wahrheit Stolz unser Herz regiert. Manchmal verstecken wir uns hinter „klaren Worten“, weil wir die Mühe der Liebe scheuen. Doch der Herr hat uns nicht berufen, mit der Wahrheit zu schlagen, sondern mit ihr zu leuchten.
Er hat uns nicht gesandt, um Recht zu behalten, sondern um Menschen zu gewinnen. Er hat uns nicht beauftragt, Mauern zu bauen, sondern Brücken der Versöhnung. Die Wahrheit Gottes ist kein Hammer, sondern ein Licht. Die Liebe Gottes ist kein Schleier, sondern ein Weg. Und nur dort, wo beides zusammenkommt, wird Christus sichtbar.
Vielleicht sollten wir uns neu fragen, ob unsere Wahrheit noch nach Liebe schmeckt. Ob unsere Liebe noch nach Wahrheit klingt. Ob unser Reden und Handeln noch den Duft Christi trägt – oder nur den unserer eigenen Überzeugungen.
Denn eines ist gewiss: Christus wird uns nicht daran messen, wie viele Debatten wir gewonnen haben, sondern wie viele Herzen wir getragen haben. Wie viele Herzen wir zu Christus geführt haben. Nicht daran, wie scharf wir argumentiert haben, sondern wie treu wir geliebt haben. Nicht daran, wie fest wir standen, sondern wie sehr wir ihm ähnlich wurden.
Ich fordere euch nicht zu einem billigen Frieden auf, der die Wahrheit opfert. Ich fordere euch auf zu jenem Frieden, der aus der Buße kommt, aus der Demut und aus der Liebe, die Christus uns vorgelebt hat. Prüft euch selbst: Wo habt ihr euren Bruder, eure Schwester verurteilt? Wo habt ihr euch verschlossen, anstatt die Hand zu reichen? Wo habt ihr Recht behalten wollen, anstatt Versöhnung zu suchen?
Der Heilige Apostel Paulus sagt: „Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“ (Römer 12,16-17). Dies ist der Weg, den Christus uns weist. Dies ist das Fundament, auf dem unsere Geschwisterlichkeit ruhen muss.
Lasst uns nicht länger Moral predigen, wenn wir selbst nicht nach ihr leben. Lasst uns nicht länger Bibelverse zitieren, wenn wir ihr Herz vergessen haben: die Liebe Gottes, die uns alle umfängt, die uns alle zur Umkehr ruft und die uns alle zur Einheit führen will.
Ich bitte euch, liebe Schwestern und Brüder: Kehrt um. Versöhnt euch. Seht einander wieder als das, was ihr seid: Geschöpfe Gottes, erkauft durch das Blut Christi, berufen zur Heiligkeit und zur Gemeinschaft. Nicht durch eure Werke, nicht durch eure Ansichten, sondern allein durch Gottes Gnade. Amen.
Der Herr segne und bewahre euch in seiner Wahrheit.
Euer Diener am Evangelium Jesu Christi
Pater Berndt, lutheraner
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