Ein Brief an die Gemeinde: Ein Knecht Christi schreibt:

Ihr Getreuen des Herrn, ich trete vor euch mit einem Herzen, das von geistlicher Sorge erfüllt ist, denn ich sehe, wie viele in unseren Tagen ein Christsein begehren, das keine Kosten kennt, keine Opfer fordert und keine Zurechtweisung duldet. Es wird ein Evangelium gepredigt, das Vergebung verspricht, aber keine Buße fordert, das von Liebe spricht, aber keine Heiligkeit kennt, das Gemeinschaft anbietet, aber keine Verantwortung einfordert. Solch ein Evangelium ist nicht das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Es ist ein falsches Evangelium, das trügerischen Trost spendet und die Seelen ins Verderben führt.

Und genau an diesem Punkt führt uns der Herr weiter auf den schmalen Weg der Nachfolge, den nur jene finden, die sich seiner heiligen Führung beugen.

Unser Herr Jesus Christus hat uns keinen breiten, bequemen Weg versprochen. Er hat gesagt: „Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!“ (Matthäus 7,13-14). Diese Worte sind deutlich und lassen keinen Raum für Missverständnisse. Der Weg zum Leben ist schmal, und er erfordert Selbstverleugnung, Buße und beständige Wachsamkeit.

Viele wollen heute den breiten Weg gehen und nennen es dennoch Christsein. Sie wollen die Gnade Gottes empfangen, aber nicht nach seinen Geboten leben. Sie wollen zur Gemeinde gehören, aber sich nicht ermahnen lassen. Sie wollen Trost und Zuspruch, aber keine Zucht und Zurechtweisung. Sie berufen sich auf die Liebe Gottes, meinen aber damit eine sentimentale Nachsicht, die über die Sünde hinwegsieht und das Gewissen einschläfert. Doch solch eine Liebe kennt die Heilige Schrift nicht.

Die wahre Liebe Gottes ist eine heilige Liebe. Sie ist eine Liebe, die uns nicht in der Sünde belässt, sondern uns davon befreit. „Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt“ (Hebräer 12,6). Die Züchtigung Gottes ist kein Zeichen seines Zornes, sondern ein Zeichen seiner Vaterliebe. Wer diese Züchtigung ablehnt, der lehnt Gottes Liebe ab.

Züchtigung meint nicht körperliche Strafen, sondern das heilige Werk des Geistes, der unser Gewissen schärft, unsere Wege korrigiert und uns von den Pfaden abruft, die uns ins Verderben führen würden. Sie ist die liebevolle Strenge des Vaters, der uns nicht dem Betrug unseres eigenen Herzens überlässt, sondern uns durch sein Wort zurechtweist, damit wir nicht verloren gehen.

Darum ist die Züchtigung Gottes niemals gegen uns gerichtet, sondern immer für uns. Sie bricht nicht den Geist, sondern den Stolz. Sie zerstört nicht die Persönlichkeit, sondern die Selbstherrlichkeit. Sie nimmt uns nicht die Freude, sondern die falschen Freuden, die uns von der wahren Freude in Christus abhalten. Wer sich dieser Züchtigung beugt, der erfährt, dass Gottes Liebe nicht weichlich ist, sondern stark; nicht nachgiebig, sondern heilig; nicht gefällig, sondern rettend. Und wer sie zurückweist, der verschließt sich der einzigen Liebe, die ihn wirklich erneuern kann.

Liebe Geschwister, so lasst uns die Zurechtweisung des Herrn nicht verachten, sondern sie als das empfangen, was sie ist: ein Ruf zur Umkehr, ein Schutz vor uns selbst, ein Zeichen seiner unerschütterlichen Treue. Denn der Vater, der uns züchtigt, ist derselbe, der uns trägt; derselbe, der uns vergibt; derselbe, der uns in Christus zu seinen Kindern gemacht hat. Seine Liebe ist eine Liebe, die uns nicht nur annimmt, sondern auch verwandelt – und gerade darin zeigt sie ihre größte Barmherzigkeit.

So führt uns der schmale Weg der Nachfolge unweigerlich zu einer Wahrheit, die unsere Zeit kaum noch erträgt: der Notwendigkeit der Gemeindezucht.

Christus hat seiner Gemeinde nicht nur die Verkündigung des Evangeliums anvertraut, sondern auch die Verantwortung, über die Reinheit der Lehre und die Heiligkeit des Lebens zu wachen. Die Gemeinde ist nicht ein Verein gleichgesinnter Menschen, sondern der Leib Christi, eine heilige Gemeinschaft, in der jedes Glied Verantwortung für das andere trägt. „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6,2). Diese Last zu tragen bedeutet auch, einander in Liebe zu ermahnen, wenn wir vom Weg abirren.

Jesus selbst hat uns die Ordnung der Gemeindezucht gegeben: „Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner“ (Matthäus 18,15-17).

Diese Worte sind klar und unmissverständlich. Die Gemeindezucht ist nicht keine freiwillige Angelegenheit, die man nach Belieben praktizieren oder unterlassen kann. Sie ist ein Gebot Christi, das der Rettung der irrenden Seele und der Heiligkeit der Gemeinde dient.

Wo Gemeindezucht fehlt, da verkommt die Gemeinde. Die Sünde wird geduldet, die Lehre wird verwässert, die Heiligkeit wird preisgegeben. Am Ende bleibt nur noch eine äußere Form, aber keine innere Kraft.

Paulus hat die Gemeinde in Korinth scharf zurechtgewiesen, weil sie einen offenkundigen Sünder in ihrer Mitte duldete: „Überhaupt geht die Rede, dass Unzucht unter euch ist, und zwar eine solche Unzucht, wie es sie nicht einmal unter den Heiden gibt: dass einer die Frau seines Vaters hat. Und ihr seid  aufgeblasen und seid nicht vielmehr traurig geworden, sodass ihr den aus eurer Mitte verstoßen hättet, der diese Tat begangen hat?“ (1. Korinther 5,1-2). Paulus forderte die Gemeinde auf, diesen Menschen auszuschließen, nicht aus Hass, sondern damit sein Geist gerettet werde am Tag des Herrn (1. Korinther 5,5).

Die Gemeindezucht dient also nicht der Zerstörung, sondern der Rettung. Sie ist ein Akt der Liebe, nicht der Härte. Sie soll den Sünder zur Buße führen und die Gemeinde vor der Verunreinigung bewahren. „Euer Rühmen ist nicht gut. Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert?“ (1. Korinther 5,6). Wer die Sünde duldet, der gefährdet die ganze Gemeinde.

Doch unsere Kirchen und Gemeinden praktizieren heute vielfach das Gegenteil. Sie scheuen die heilsame Zurechtweisung und umarmen stattdessen alles, was dem Zeitgeist gefällt. Sie nennen das Toleranz, doch in Wahrheit ist es Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Sie nennen es Liebe, doch es ist eine Liebe ohne Kreuz, ohne Heiligkeit, ohne Umkehr. Sie öffnen ihre Türen weit für jede falsche Ideologie, aber verschließen sie vor der biblischen Zucht, die Christus selbst geboten hat. So wird das, was heilig sein soll, profan; das, was klar sein soll, verschwommen; das, was bewahren soll, preisgegeben.

Ich sage euch, liebe Geschwister: Eine Gemeinde, die die Sünde liebt, verliert die Fähigkeit, den Sünder zu lieben. Denn wahre Liebe sagt nicht: „Bleib, wie du bist“, sondern: „Komm zu Christus und werde neu.“ Eine Kirche, die jede Lehre zulässt, verliert die Kraft, die Wahrheit zu verkündigen. Und eine Kirche, die jede Ideologie umarmt, verliert den Mut, das Evangelium zu bekennen.

Darum muss die Gemeindezucht wieder ihren rechtmäßigen Platz einnehmen – nicht als Werkzeug menschlicher Härte, sondern als Ausdruck göttlicher Liebe. Sie ist der Schutzwall der Gemeinde, der Wächter der Heiligkeit, der Ruf zur Buße und der Dienst an der Seele. Wo sie fehlt, stirbt die Gemeinde langsam; wo sie geübt wird, lebt sie aus der Kraft Christi.

Damit berühren wir ein weiteres Kennzeichen einer verfallenden Gemeinde – die Weigerung, Ermahnung anzunehmen.

In unserer Zeit, liebe Geschwister, erleben wir eine weit verbreitete Ablehnung jeder Form der Ermahnung. Wer einen Bruder oder eine Schwester auf einen Fehltritt hinweist, wird schnell als lieblos, rechthaberisch oder gesetzlich bezeichnet. Man beruft sich auf die Freiheit in Christus und meint damit eine Freiheit, die von jeder Verantwortung entbunden ist. Doch solch eine Freiheit ist nicht die Freiheit, die Christus uns gegeben hat.

Der Heilige Apostel Paulus schreibt: „Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern“ (Galater 5,13). Die Freiheit in Christus ist eine Freiheit vom Gesetz der Sünde, aber keine Freiheit zur Sünde. Sie ist eine Freiheit, die uns befähigt, in Liebe zu dienen und nach Gottes Willen zu leben.

Wer die Ermahnung ablehnt, der verschließt sich vor der Liebe der Geschwister. „Die Schläge des Freundes meinen es gut; aber die Küsse des Hassers sind trügerisch“ (Sprüche 27,6). Die Ermahnung eines Bruders ist ein Zeichen der Liebe, nicht der Feindschaft. Wer schweigt, wenn er die Sünde seines Bruders sieht, der handelt nicht aus Liebe, sondern aus Gleichgültigkeit oder Feigheit. „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst“ (3. Mose 19,17).

Die Ablehnung der Ermahnung zeigt, dass das Herz verhärtet ist. Es zeigt, dass man die eigene Sünde nicht mehr ernst nimmt und Gottes Heiligkeit nicht mehr fürchtet. Wer sich nicht ermahnen lässt, der verschließt sich vor der Gnade Gottes, denn die Gnade führt zur Buße, und die Buße setzt voraus, dass wir unsere Sünde erkennen und bekennen.

So führt uns die Weigerung, Ermahnung anzunehmen, unweigerlich zu einem weiteren Befund unserer Zeit – der wachsenden Furcht vor der Wahrheit.

Viele fürchten sich vor der Wahrheit, weil die Wahrheit unbequem ist. Sie deckt unsere Sünde auf, sie stellt uns vor die Frage, ob wir wirklich bereit sind, Christus nachzufolgen. Deshalb wird die Wahrheit gemieden, und an ihre Stelle tritt eine weichgespülte Botschaft, die niemandem wehtun soll. Man spricht von Toleranz, von Akzeptanz, von einem Gott, der alle Menschen so annimmt, wie sie sind. Doch diese Botschaft ist eine Lüge. Sie ist ein Teufelswerk!

Gott nimmt uns nicht an, wie wir sind, damit wir so bleiben, wie wir sind. Er nimmt uns an, um uns zu verwandeln. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5,17). Das Evangelium fordert Veränderung. Es fordert Buße, Umkehr, Heiligung. Wer dies verschweigt, der verkündigt nicht das Evangelium, sondern eine Fälschung.

Die Wahrheit ist wie ein Schwert. Sie trennt das Wahre vom Falschen, das Heilige vom Unheiligen. „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens“ (Hebräer 4,12). Wer sich diesem Schwert nicht stellen will, der flieht vor Gott.

Damit berühren wir den verborgenen Kern des menschlichen Abfalls: die Selbsttäuschung des Herzens, das sich selbst zum Maßstab macht.

Das menschliche Herz ist trügerisch. „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“ (Jeremia 17,9). Wir neigen dazu, uns selbst zu belügen, unsere Sünde zu rechtfertigen und unsere Fehler zu entschuldigen. Wir sagen: „Ich bin nicht perfekt, aber Gott vergibt mir.“ Das ist wahr, aber es darf nicht als Ausrede dienen, um weiter in der Sünde zu leben.

Der Apostel Jakobus schreibt: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst“ (Jakobus 1,22). Es genügt nicht, das Wort Gottes zu hören und ihm zuzustimmen. Wir müssen danach handeln. Wer das Wort hört und nicht tut, der gleicht einem Menschen, der sein Gesicht im Spiegel betrachtet und sofort vergisst, wie er aussieht (Jakobus 1,23-24). Der Spiegel des Wortes Gottes zeigt uns unsere Sünde, damit wir uns ändern, nicht damit wir uns mit unserer Sünde abfinden.

Die Selbsttäuschung ist eine der größten Gefahren für den Christen. Sie führt dazu, dass wir uns sicher fühlen, obwohl wir in Gefahr sind. Jesus hat gewarnt: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel“ (Matthäus 7,21). Es gibt Menschen, die sich Christen nennen, die von Gott reden, die zur Gemeinde gehen, und dennoch werden sie am Ende verloren gehen, weil sie niemals wirklich Buße getan haben und Christus gehorcht haben.

Damit stehen wir vor einer der gefährlichsten Verirrungen unserer Tage: der Lehre von der billigen Gnade, die das Evangelium entkernt und entheiligt.

Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Schriften von der billigen Gnade gesprochen, und seine Warnung gilt auch heute. Die billige Gnade ist eine Gnade ohne Nachfolge, eine Vergebung ohne Buße, ein Evangelium ohne Kosten. Sie ist die Gnade, die wir uns selbst zusprechen, ohne dass Gott sie uns zugesprochen hatSie ist eine tödliche Täuschung. Sie ist eine teuflische Lehre!

Die teure Gnade hingegen ist die Gnade, die Christus das Leben gekostet hat. Sie ist die Gnade, die uns zur Nachfolge ruft, die von uns fordert, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen und Christus folgen. „Denn es ist euch gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden“ (Philipper 1,29). Die teure Gnade führt durch das Kreuz zur Auferstehung, durch den Tod zum Leben.

Viele wollen heute die Gnade ohne das Kreuz. Sie wollen die Krone ohne den Kampf, die Herrlichkeit ohne das Leiden. Doch der Apostel Paulus sagt: „Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden“ (Römer 8,17). Das Leiden gehört zum christlichen Leben. Wer dies leugnet, der leugnet die Heilige Schrift.

So führt uns die Entlarvung der billigen Gnade unweigerlich zu dem Weg, den Gott wirklich für uns bestimmt hat – dem Ruf zur Heiligung.

„Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung“ (1. Thessalonicher 4,7). Die Heiligung ist nicht ein Zusatz zum Glauben, sondern eine Frucht des Glaubens. Wo echter Glaube ist, da wächst Heiligung. Wo keine Heiligung ist, da ist kein echter Glaube. Denn es steht geschrieben: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird…“ (Hebräer 12,14).

Die Heiligung ist ein lebenslanger Prozess. Wir werden in diesem Leben nicht vollkommen werden, aber wir sollen nach Vollkommenheit streben. Paulus schreibt: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“ (Philipper 3,12). Die Heiligung ist ein beständiges Ringen gegen die Sünde, ein tägliches Sterben des alten Menschen und ein tägliches Erneuern des neuen Menschen.

Wer die Heiligung für unwichtig hält, der hat nicht wirklich verstanden, was Gott mit uns vorhat. „Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen“ (1. Thessalonicher 4,3). Gott will uns nicht nur retten, er will uns verwandeln. Er will uns seinem Bild gleichgestalten (Römer 8,29). Diese Verwandlung geschieht nicht ohne unser Zutun. Wir sind aufgerufen, die Sünde zu töten, das Fleisch zu kreuzigen und dem Geist Raum zu geben (Römer 8,13; Galater 5,24).

Damit kommen wir zu einem weiteren, unverzichtbaren Thema: der Verantwortung der Ältesten und Prediger, die der Gemeinde vorangehen sollen im Wort und im Leben.

Die Ältesten und Prediger in der Gemeinde tragen eine besondere Verantwortung. Sie sind nicht nur Verkündiger des Wortes, sondern auch Wächter über die Herde. Paulus hat die Ältesten von Ephesus ermahnt: „So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat“ (Apostelgeschichte 20,28).

Die Aufgabe des Predigers ist es, das ganze Wort Gottes zu verkündigen, nicht nur die angenehmen Teile. Er muss von der Sünde sprechen und von der Gnade, von dem Gericht und von der Rettung, von der Hölle und von dem Himmel. „Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre“ (2. Timotheus 4,2). Der Prediger, der nur Trost spendet, aber nicht ermahnt, der nur von Liebe spricht, aber nicht von Heiligkeit, der ist ein untreuer Knecht.

Hesekiel wurde von Gott zum Wächter über das Haus Israel bestellt. Gott sprach zu ihm: „Wenn ich zu dem Gottlosen sage: Du musst des Todes sterben!, und du warnst ihn nicht und sagst es ihm nicht, um den Gottlosen vor seinem gottlosen Wege zu warnen, damit er am Leben bleibe, so wird der Gottlose um seiner Sünde willen sterben, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern“ (Hesekiel 3,18). Der Prediger, der die Sünde nicht anspricht, macht sich mitschuldig am Verderben der Seelen.

Doch die Ermahnung muss in Liebe geschehen. Der Prediger ist kein Richter, der verdammt, sondern ein Hirte, der die Schafe sucht und rettet. Er muss die Wahrheit sagen, aber er muss sie in Liebe sagen. „Die Liebe ist langmütig und freundlich“ (1. Korinther 13,4). Die Liebe verschweigt die Wahrheit nicht, aber sie spricht sie so, dass der Hörer die Barmherzigkeit Gottes erkennen kann.

Damit gelangen wir zu einem weiteren Grundpfeiler des christlichen Lebens: der Gemeinschaft der Heiligen, in der Christus selbst gegenwärtig ist.

Die Gemeinde ist nicht eine Ansammlung isolierter Individuen, sondern eine Gemeinschaft, in der wir füreinander Verantwortung tragen. „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit“ (1. Korinther 12,26). Diese Gemeinschaft bedeutet, dass wir einander tragen, einander ermutigen, einander ermahnen.

Die Ermahnung ist ein Dienst der Liebe. Sie setzt voraus, dass wir uns selbst prüfen und erkennen, dass auch wir Sünder sind. „Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest“ (Galater 6,1). Die Ermahnung geschieht nicht von oben herab, sondern von Bruder zu Bruder, von Schwester zu Schwester, in dem Bewusstsein, dass wir alle der Gnade bedürfen.

Wo diese Gemeinschaft fehlt, da vereinsamt der Christ. Er wird ein leichtes Opfer der Versuchung, denn er steht allein. Deshalb ermahnt uns die Heilige Schrift: „Und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht“ (Hebräer 10,24-25).

Damit kommen wir zu jener Wahrheit, die jede Ermahnung trägt und krönt: dem Trost für die Bußfertigen.

Ich will euch aber auch trösten, liebe Geschwister, denn das Evangelium ist nicht nur Gesetz, sondern auch Gnade. Wenn ihr eure Sünde erkennt und bekennt, so vergibt euch Gott. „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1. Johannes 1,9). Gottes Gnade ist größer als eure Sünde. Sein Erbarmen ist unerschöpflich.

Christus ist nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder (Matthäus 9,13). Er ist gekommen, die Verlorenen zu suchen und selig zu machen (Lukas 19,10). Wenn ihr euch zu ihm wendet, so werdet ihr Vergebung finden. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28).

Die Buße ist kein einmaliger Akt, sondern die Grundhaltung des christlichen Lebens. Täglich müssen wir unsere Sünde bekennen, täglich müssen wir uns zu Christus wenden, täglich müssen wir seine Gnade empfangen. Unser Mitbruder Martin Luther hat gesagt, dass das ganze Leben des Christen Buße sein soll. Das bedeutet nicht, dass wir in ständiger Furcht und Verzweiflung leben, sondern dass wir in ständiger Abhängigkeit von Gottes Gnade leben.

Die Gnade Gottes macht uns nicht gleichgültig gegenüber der Sünde, sondern sie befreit uns von der Macht der Sünde. Sie gibt uns die Kraft, anders zu leben. „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen, und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben“ (Titus 2,11-12).

Damit stehen wir vor einer Wirklichkeit, die das ganze christliche Leben umfasst: dem Ernst der Zeit, in dem wir leben und glauben.

Die Zeit ist ernst. Wir leben in einer Welt, die Gott immer mehr ablehnt. Die Sünde wird verherrlicht, die Wahrheit wird geleugnet, das Böse wird gut genannt und das Gute böse. Die Kirche wird bedrängt, und viele fallen ab vom Glauben. In solch einer Zeit ist es umso wichtiger, dass wir fest stehen im Glauben, dass wir an der Wahrheit festhalten, dass wir einander ermahnen und tragen.

Der Apostel Paulus hat an Timotheus geschrieben: „Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden, sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren“ (2. Timotheus 4,3-4). Diese Zeit ist gekommen. Umso mehr müssen wir wachsam sein und das Wort Gottes verkündigen, ob es gelegen kommt oder ungelegen. Habt Mut und fürchtet euch nicht!

Denn wer den Ernst der Zeit erkennt, der hört zugleich den klaren Ruf Gottes: Bleibt treu.

Geschwister im Glauben! Ich rufe euch auf, treu zu bleiben. Treu dem Wort Gottes, treu der Gemeinde, treu in Christus. Lasst euch nicht verführen von denen, die ein leichtes Christsein versprechen. Der Weg ist schmal, aber er führt zum Leben. Lasst euch ermahnen und ermahnt einander. Tragt einander in Liebe. Wacht über euch selbst und über die Herde.

„Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben“, so die Ermahnung des Heiligen Petrus (1. Petrus 5,8-9). Der Teufel sucht die Schwachen, die Einsamen, die Unbußfertigen. Steht fest im Glauben, und er wird von euch fliehen.

Gott wird euch bewahren. Er wird euch stärken durch sein Wort und seinen Geist. „Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen“ (Josua 1,5). Vertraut auf ihn, denn er ist treu. „Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen“ (2. Thessalonicher 3,3). Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.

Damit komme ich zu einem letzten Wort, das alles Gesagte sammelt und vor Gott hinlegt. Geliebte im Herrn, ich habe euch geschrieben, um euch zu ermahnen und zu trösten. Nehmt die Ermahnung an als ein Zeichen der Liebe. Lasst euch nicht verführen von einem billigen Evangelium, das keine Kosten kennt. Der Weg Christi ist ein schmaler Weg, aber er führt zum Leben. Geht diesen Weg gemeinsam, tragt einander, ermahnt einander, liebt einander.

Gott schenke euch Gnade und Frieden. Er bewahre euch in der Wahrheit und führe euch zur ewigen Herrlichkeit. Amen.

Euer Diener am Evangelium Jesu Christi

Pater Berndt, lutheraner