Ein Brief an die Gemeinde: Ein Knecht Christi schreibt:

Ihr Getreuen des Herrn! Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Ich wende mich heute an euch, weil mich eine wachsende Unruhe bewegt über die Weise, wie wir miteinander über die Heilige Schrift reden. Es ist mir ein Anliegen, euch zu erinnern und zu ermutigen in einer Zeit, in der wir leicht dem Drang verfallen, unsere Meinung zu verteidigen, statt uns von Christus selbst in sein Recht und seine Wahrheit stellen zu lassen.

Die Heilige Schrift selbst warnt uns eindringlich vor hochmütigem Reden. Der Apostel Paulus schreibt den Philippern: „Tut nichts aus Zänkerei oder eitler Ehre, sondern durch Demut achte einer den andern höher denn sich selbst“ (Philipper 2,3).

Diese Mahnung gilt nicht zuletzt unserem Umgang mit dem Wort Gottes selbst. Wenn wir die Bibel zur Waffe gegen den Bruder schmieden, wenn wir sie gebrauchen, um unsere eigene Gelehrsamkeit aufzurichten statt Christus zu erhöhen, dann sündigen wir wider den Geist, in dem sie uns gegeben wurde.

Der Satz „In meiner Bibel steht das nicht“ mag sachlich richtig sein, aber er ist oft geistlich falsch. Er offenbart einen Geist der Selbstgerechtigkeit, der sich hinter vermeintlicher Schrifttreue verbirgt. Wir täuschen uns, wenn wir meinen, die Bibel gehöre uns. Sie gehört Christus, und wir alle stehen gleichermaßen unter ihrem Richterspruch. Unser Mitbruder Martin Luther hat uns gelehrt, dass wir stets zugleich Gerechte und Sünder sind. Diese Wahrheit muss auch unser Reden über die Heilige Schrift durchdringen. Wer sich zum Richter über das Schriftverständnis anderer aufwirft, der vergisst, dass er selbst noch unter dem Urteil des Wortes steht.

Der Herr Jesus Christus hat uns ein Beispiel gegeben, wie wir miteinander umgehen sollen. Er, der allein das Recht hätte, über uns zu richten, kam nicht, um zu richten, sondern um zu retten. „Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde“ (Johannes 3,17). Wenn der Herr selbst so mit uns umgeht, wie viel mehr sollten wir dann einander in Sanftmut begegnen, besonders wenn es um das Verständnis seines Wortes geht.

Ich sage euch nicht, dass die Wahrheit der Schrift verhandelbar sei. Im Gegenteil, wir sind berufen, die reine Lehre zu bewahren und uns nicht von jedem Wind der Lehre umtreiben zu lassen. Aber die Art, wie wir diese Wahrheit vertreten, ist ebenso wichtig wie ihr Inhalt.

Unser Heiliger Apostel Paulus ermahnt den Timotheus: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern freundlich sein gegen jedermann, lehrbar, der die Bösen tragen kann und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist“ (2. Timotheus 2,24-25). Sanftmut ist keine Schwäche, sondern die Stärke dessen, der sich seiner selbst so sicher ist in Christus, dass er den anderen nicht erniedrigen muss, um sich selbst zu erhöhen.

Was also sollen wir tun, wenn wir mit einem Verständnis der Schrift konfrontiert werden, das uns fremd ist? Zunächst sollen wir prüfen, ob der Fehler nicht vielleicht bei uns selbst liegt. Die Geschichte der Kirche ist voll von Beispielen, wo Mehrheiten irrten und Einzelne die Wahrheit bewahrten. Der Mitbruder Martin Luther selbst stand gegen Konzilien und Kaiser, nicht weil er besserwisserisch war, sondern weil er dem Wort Gottes mehr gehorchte als den Menschen. Seine Haltung war nicht: „In meiner Bibel steht das nicht“, sondern: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Das ist der Unterschied zwischen rechthaberischem Trotz und gehorsamer Standhaftigkeit.

Sodann sollen wir nachfragen und nicht vorschnell urteilen. Der Herr Jesus selbst stellte Fragen, um die Herzen zu öffnen. „Was dünkt dich, Simon?“ fragte er den Petrus (Matthäus 17,25). „Wie steht im Gesetz geschrieben. Wie liesest du?“ fragte er den Schriftgelehrten (Lukas 10,26). Diese Fragen waren nicht rhetorisch gemeint, um den anderen bloßzustellen, sondern sie dienten der Erkenntnis und der geistlichen Führung. Wenn wir fragen: „Kannst du mir zeigen, wo das steht?“ dann öffnen wir einen Raum des gemeinsamen Suchens. Wenn wir aber sagen: „Das steht nicht in meiner Bibel“, dann schließen wir diesen Raum und erheben uns zum alleinigen Schriftausleger.

Die Heilige Schrift selbst bezeugt, dass ihr Verständnis nicht immer leicht ist. Der Heilige Petrus schreibt über die Briefe des Paulus: „..wie er auch in allen Briefen davon redet, in welchen sind etliche Dinge schwer zu verstehen, welche die Ungelehrigen und Leichtfertigen verdrehen, wie auch die andern Schriften, zu ihrer eigenen Verdammnis „ (2. Petrus 3,16). Wenn schon die Apostel bezeugen, dass die Heilige Schrift an manchen Stellen schwer zu verstehen ist, wie viel mehr sollten wir dann Demut zeigen in unserem eigenen Verständnis? Das bedeutet nicht, dass wir die Klarheit der Schrift leugnen. Nein, die Schrift ist klar in dem, was zum Heil nottut. Aber sie ist so tief, dass wir nie aufhören werden, aus ihr zu lernen.

Ich ermahne euch daher: Wenn ihr mit einem Bruder oder einer Schwester über die Heilige Schrift sprecht, dann tut es in der Haltung derer, die gemeinsam vor Gott stehen und gemeinsam sein Wort suchen. Sagt nicht: „In meiner Bibel steht das nicht“, als ob eure Bibel eine andere wäre als die des Gegenübers. Sagt vielmehr: „Ich kenne diese Stelle so nicht. Lass uns gemeinsam nachschauen, was Gottes Wort dazu sagt.“ Das ist keine falsche Bescheidenheit, sondern echte Demut, die dem Wort Gottes die Ehre gibt und nicht der eigenen Gelehrsamkeit.

Zugleich mahne ich euch, nicht nachlässig zu werden im Studium der Schrift. Der Heilige Apostel Paulus ermahnt den Timotheus: „Befleißige dich, Gott zu erzeigen einen rechtschaffenen und unsträflichen Arbeiter, der da recht teile das Wort der Wahrheit“ (2. Timotheus 2,15). Wir sollen das Wort Gottes nicht oberflächlich behandeln, sondern uns mühen, es recht zu verstehen. Das bedeutet, dass wir selbst die Heilige Schrift lesen, dass wir sie studieren, dass wir uns von guten Lehrern unterweisen lassen. Es bedeutet auch, dass wir bereit sind, unser Verständnis zu korrigieren, wenn die Heilige Schrift selbst uns eines Besseren belehrt.

Doch hier, ihr Getreuen des Herrn, müssen wir uns einer Frage stellen, die tiefer geht als jede äußere Frömmigkeit: Sind wir wirklich bereit, uns von der Schrift korrigieren zu lassen? Oder suchen wir nur Bestätigung für das, was wir ohnehin schon denken?

Es ist eine ernste Versuchung unseres Herzens, das Wort Gottes nicht mehr als Richter über uns zuzulassen, sondern es zu einem Werkzeug unserer eigenen Überzeugungen zu machen. Wenn wir aber nur hören wollen, was uns gefällt, wenn wir nur lesen, um recht zu behalten, und nicht, um recht geführt zu werden, dann stehen wir nicht mehr unter dem Wort, sondern über dem WortUnd wer über dem Wort steht, hat es bereits verloren.

Darum prüfe ein jeder sein Herz, ob er wirklich bereit ist, sich beugen zu lassen unter die mächtige Hand Gottes, damit das Licht der Wahrheit uns nicht nur belehrt, sondern auch verwandelt.

Wenn wir aber so unter das Wort treten, wenn wir uns prüfen lassen und nicht nur recht behalten wollen, dann führt uns dieser Weg notwendig zu jener reformatorischen Einsicht, die unsere Väter im Glauben mit heiligem Ernst bekannt haben. Denn wer sich wirklich von der Schrift richten lässt, der wird unweigerlich an den Punkt geführt, an dem die Kirche im 16. Jahrhundert neu ausgerichtet wurde: zur Frage, was unsere letzte und höchste Autorität ist.

Die Reformation hat uns das Prinzip Sola Scriptura gegeben: allein die Schrift ist die Grundlage unseres Glaubens. Aber dieses Prinzip ist kein Freibrief für jeden, seine eigene Auslegung als allein gültig zu erklären.

Unser Mitbruder Martin Luther selbst hat sich Konzilien und der Beurteilung anderer unterworfen, sofern sie aus der Schrift argumentierten. Er wusste, dass auch er ein Mensch war, der irren konnte. Seine Berufung auf die Heilige Schrift war keine Berufung auf sein eigenes Verständnis, sondern eine Berufung darauf, dass die Schrift selbst klar spricht, wenn man sie recht auslegt.

Ich weiß, dass viele von euch in Gesprächen sind, wo über Lehre gestritten wird. Ich weiß, dass es Zeiten gibt, wo wir klar Position beziehen müssen gegen falsche Lehre. Der Heilige Apostel Johannes mahnt uns: „So jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht, den nehmet nicht ins Haus und grüßet ihn auch nicht“ (2. Johannes 1,10). Es gibt also eine Zeit der klaren Abgrenzung. Aber diese Abgrenzung darf nie aus Hochmut geschehen, sondern immer nur aus Liebe zur Wahrheit und zur Gemeinde. Und sie darf nie die Tür verschließen für den, der bereit ist, sich von der Schrift korrigieren zu lassen.

Wie also sollen wir reden, wenn wir meinen, dass jemand die Schrift falsch versteht? Zunächst sollen wir prüfen, ob wir selbst recht verstanden haben. Dann sollen wir nachfragen, um sicherzugehen, dass wir den anderen richtig verstanden haben. Dann sollen wir zur Heiligen Schrift selbst gehen und gemeinsam lesen, was dort steht. Wir sollen fragen: „Wie kommst du zu dieser Auslegung?“ und „Welche Stellen stützen deine Sicht?“ Und wir sollen bereit sein, uns selbst korrigieren zu lassen, wenn die Schrift gegen uns spricht. Erst wenn all dies geschehen ist und die Differenz bleibt, dann dürfen wir klar benennen, wo wir eine Abweichung von der Schrift sehen. Aber auch dann sollen wir es tun in Liebe und in der Hoffnung, dass der Bruder oder die Schwester zur Erkenntnis der Wahrheit kommt.

Ich will euch auch trösten, geliebte im Herrn! Viele von euch sind verunsichert, weil es so viele verschiedene Auslegungen der Heiligen Schrift gibt. Ihr fragt euch: Wie kann ich wissen, dass ich richtig verstehe? Ich sage euch: Christus ist die Mitte der Schrift. Alles, was in der Schrift steht, weist auf ihn hin. Unser Mitbruder Martin Luther sagte, die Schrift sei die Krippe, in der Christus liegt. Wenn ihr also die Schrift lest, dann sucht in ihr nach Christus. Fragt nicht zuerst: Was sagt diese Stelle über mich oder über andere? Fragt zuerst: Was sagt sie über Christus? Wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht irren in den Hauptsachen des Glaubens.

Die Heilige Schrift selbst bezeugt ihre Klarheit in dem, was zum Heil nottut. Der Heilige Paulus schreibt: „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: „Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift…“ (1. Korinther 15,3-4). Das ist die Mitte unseres Glaubens, und darüber ist die Schrift völlig klar. In anderen Dingen mag es Raum für verschiedene Verständnisse geben, aber nicht in diesem Kern. Haltet euch also an das Zentrum, und streitet nicht um Nebensächlichkeiten.

Ich ermahne euch auch, nicht zu vergessen, dass die Schrift uns nicht gegeben ist, um unser Wissen zu vermehren, sondern um unser Leben zu verändern. Der Heilige Jakobus mahnt: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget“ (Jakobus 1,22). Es nützt uns nichts, wenn wir die Schrift auswendig kennen, aber nicht nach ihr leben. Es nützt uns nichts, wenn wir über jede Lehre Bescheid wissen, aber keine Liebe haben.

Der Heilige Paulus schreibt: „Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1. Korinther 13,2). Die rechte Lehre ist wichtig, aber sie muss verbunden sein mit einem rechten Leben.

Das heißt also, dass unser Bekenntnis nicht nur auf unseren Lippen wohnen darf, sondern in unserem Wandel sichtbar werden muss, damit die Wahrheit, die wir bekennen, auch die Wahrheit ist, die uns trägt und formt. Denn was nützt es, wenn wir die reine Lehre hochhalten, aber unser Herz kalt bleibt gegenüber dem Bruder, der strauchelt, oder gegenüber dem Nächsten, der uns braucht.

Die Liebe, von der der Heilige Paulus spricht, ist keine weichliche Nachgiebigkeit, sondern jene heilige, vom Geist gewirkte Hingabe, die das Wort Gottes ernst nimmt und zugleich den Menschen in seiner Schwachheit sieht. Wo diese Liebe fehlt, da wird selbst die beste Erkenntnis hohl, und der stärkste Glaube verliert seine Kraft; wo sie aber gegenwärtig ist, da wird die Lehre lebendig, und das Leben wird zum Zeugnis für den Herrn, der uns zuerst geliebt hat.

Lasst uns also danach streben, nicht nur rechte Lehre zu haben, sondern auch rechte Liebe. Lasst uns danach streben, nicht nur die Wahrheit zu kennen, sondern auch in der Wahrheit zu wandeln. Lasst uns danach streben, nicht nur über die Schrift zu reden, sondern sie zu leben. Und wenn wir mit anderen über die Schrift sprechen, dann lasst es uns tun in einer Weise, die Christus ehrt und die Gemeinschaft der Heiligen aufbaut statt sie zu zerstören.

Ich schließe mit den Worten des Heiligen Apostels Paulus: „So ermahne ich euch nun, daß ihr der Berufung würdig wandelt, mit der ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und vertraget einer den andern in der Liebe und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“ (Epheser 4,1-3).

Dies ist mein Gebet für euch, dass ihr in Demut und Liebe miteinander umgeht, besonders wenn es um das kostbare Wort Gottes geht. Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen.

Euer Diener am Evangelium Jesu Christi

Pater Berndt, lutheraner