Ein Brief an die Gemeinde: Ein Knecht Christi schreibt:

Ihr Getreuen des Herrn! „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes, unseres Vaters; dem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Galater 1,3-5)

Mit diesen Worten des Apostels Paulus beginne ich diesen Brief an euch, denn in ihnen liegt das ganze Evangelium zusammengefasst: Gnade, Frieden, Opfer, Rettung und die Herrlichkeit Gottes. Es sind keine leeren Worte, keine bloße Grußformel, sondern die Verkündigung der größten Wahrheit, die je gesprochen wurde. Hier wird uns gesagt, wer wir sind, woher unsere Rettung kommt und wozu wir berufen sind.

Der Heilige Apostel Paulus spricht von Gnade und Frieden. Diese beiden Worte stehen am Anfang, weil sie die Grundlage alles Weiteren sind. Ohne Gnade gibt es keinen Frieden mit Gott, ohne Frieden keine wahre Ruhe für unsere Seelen. Die Gnade ist nicht etwas, das wir verdienen können, nicht etwas, das wir durch unsere Anstrengungen erlangen. Sie ist das freie, unverdiente Geschenk Gottes an uns Sünder. „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme“ (Epheser 2,8-9). Diese Gnade ist der Grund, auf dem wir stehen, die Luft, die wir atmen, das Fundament unserer Hoffnung.

Der Friede, von dem der Heilige Paulus spricht, ist nicht der Friede dieser Welt, nicht die Abwesenheit von Konflikten oder Schwierigkeiten. Es ist der Friede mit Gott, der Friede, der aus der Versöhnung kommt. „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus“ (Römer 5,1). Dieser Friede ist tiefer als alle Umstände, fester als alle Gefühle. Er gründet nicht auf unserer Situation, sondern auf dem vollbrachten Werk Christi. Selbst wenn die Welt um uns herum in Aufruhr ist, selbst wenn unser eigenes Herz uns anklagt, dieser Friede bleibt, denn er beruht auf der unwandelbaren Treue Gottes.

Doch wie kommt dieser Friede zu uns? Paulus macht es unmissverständlich klar: durch „den Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat“. Wo Jesus Christus „HERR“ ist, wo „GANDE“ regiert, da kann auch „FRIEDE“ werden. Friede als Versöhnung mit Gott durch die Gnade Jesu Christi.

Und eben weil dieser Friede allein aus der Gnade Christi fließt, führt uns der Blick unweigerlich zu dem Geheimnis, in dem diese Gnade ihren höchsten Ausdruck findet: dem stellvertretenden Sühnopfer Jesu Christi. Und das ist auch das Herzstück des christlichen Glaubens: Er hat sich selbst dahingegeben, nicht widerwillig, nicht gezwungen, sondern freiwillig. „Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater“ (Johannes 10,18). Christus ist nicht Opfer der Umstände geworden, er ist nicht durch tragische Verkettungen ans Kreuz gekommen. Er ging bewusst, absichtlich, aus Liebe zu uns den Weg des Leidens und des Todes.

Warum musste er sich dahingeben? Für unsere Sünden. Nicht für unsere Fehler, nicht für unsere Schwächen, sondern für unsere Sünden. Wir müssen das Wort Sünde in seiner ganzen Schärfe verstehen. Sünde ist nicht nur falsches Verhalten, nicht nur moralisches Versagen. Sünde ist die grundlegende Rebellion gegen Gott, die Auflehnung des Geschöpfes gegen den Schöpfer, die Verweigerung seiner Herrschaft. „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ (Römer 3,23). Jeder von uns ist von Grund auf verdorben, unfähig, Gott zu gefallen, schuldig vor seinem heiligen Angesicht.

Geschwister, ich weiß, dass die Welt – und leider auch große Teile des heutigen Christentums – es anders sehen wollen. Sie reden von Fehlern statt von Schuld, von Schwächen statt von Sünde, von Wachstum statt von Umkehr. Aber es bleibt die Wahrheit: Der Mensch ist nicht ein verletztes, sondern ein verlorenes Wesen; nicht ein Irrender, sondern ein Aufständischer; nicht ein Suchender, sondern ein Flüchtender vor Gott. Unser Herz ist nicht neutral, sondern verkehrt; nicht krank, sondern tot in Sünden und Übertretungen. Und wer die Sünde verharmlost, der verharmlost das Kreuz. Wer die Schuld relativiert, der relativiert die Gnade. Wer die Rebellion des Menschen verschweigt, der verschweigt die Herrlichkeit des Evangeliums.

Denn nur wer die Tiefe der Sünde erkennt, kann die Größe der Gnade begreifenNur wer seine Schuld sieht, kann die Erlösung verstehen. Nur wer weiß, dass er verloren ist, kann sich retten lassen. Darum musste Christus sich dahingeben – weil wir uns nicht selbst retten konnten, weil wir keinen Weg zu Gott hatten, weil unsere Sünde uns unüberbrückbar von ihm trennte.

Geschwister! Diese Sünde trennt uns von Gott. So mahnt uns der Prophet Jesaja: „sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet“ (Jesaja 59,2). Die Sünde hat den Tod zur Folge, nicht nur den physischen Tod, sondern den ewigen Tod, die ewige Trennung von Gott. „Denn der Sünde Sold ist der Tod“ (Römer 6,23). Dies ist die furchtbare Wahrheit, der wir ins Auge sehen müssen. Ohne Christus sind wir verloren, ohne Hoffnung, ohne Zukunft.

Doch Christus hat sich für diese Sünden dahingegeben. Er hat die Strafe getragen, die wir verdient haben. Ist uns das heute noch bewusst? Er hat den Zorn Gottes auf sich genommen, der uns hätte treffen müssen. „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jesaja 53,4-5). Dies ist das große Tauschgeschäft des Evangeliums: Christus nimmt unsere Sünde auf sich und gibt uns seine Gerechtigkeit.

Der Heilige Paulus sagt weiter, dass Christus sich dahingegeben hat, „dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt“. Hier müssen wir innehalten und genau hinhören. Die Welt, in der wir leben, ist nicht neutral, sie ist böse. Das bedeutet nicht, dass die Schöpfung an sich böse wäre, denn Gott hat sie gut geschaffen. Aber die Welt, wie sie jetzt ist, steht unter der Macht der Sünde, unter der Herrschaft des Fürsten dieser Welt. „Wir wissen, dass wir von Gott sind, und  die ganze Welt liegt im Argen“ (1. Johannes 5,19).

Diese Welt hat ihre eigenen Werte, ihre eigenen Maßstäbe, ihre eigene Weisheit. Sie lehrt uns, dass Erfolg im Besitz liegt, dass Glück in der Erfüllung unserer Wünsche besteht, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben. Sie sagt uns, dass wir gut genug sind, dass wir an uns selbst glauben sollen, dass wir unseren eigenen Weg gehen müssen. All dies sind Lügen, schöne, verführerische Lügen, aber dennoch Lügen.

Und so gilt die Mahnung: „Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“ (1. Johannes 2,15-16).

Von dieser Welt sollen wir errettet werden. Nicht physisch, denn wir leben noch in dieser Welt, aber geistlich. Wir sollen nicht mehr nach ihren Maßstäben leben, nicht mehr ihre Werte teilen, nicht mehr ihre Ziele verfolgen. „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ (Römer 12,2). Diese Errettung ist ein Herausgerufensein, eine Absonderung. Wir sind in der Welt, aber nicht von der Welt. Wir leben in ihr, aber wir gehören nicht zu ihr.

Dies geschieht „nach dem Willen Gottes, unseres Vaters“. Unsere Errettung ist nicht Zufall, nicht unsere eigene Leistung, sondern der souveräne Wille Gottes. „Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus“ (1. Thessalonicher 5,9). Bevor die Welt gegründet wurde, hat Gott uns in Christus erwählt. „Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten“ (Epheser 1,4-6).

Dies ist ein großes Geheimnis, das unseren Verstand übersteigt, aber auch ein großer Trost. Unsere Rettung hängt nicht von unserer Wankelmütigkeit ab, sondern von der Beständigkeit Gottes.

Dieser Gott ist unser Vater. Durch Christus sind wir nicht mehr Knechte, sondern Kinder. „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ (Römer 8,14-15). Diese Kindschaft ist keine Selbstverständlichkeit, kein natürlicher Zustand. Sie ist Gnade, reines Geschenk, unverdient und kostbar.

Als Kinder Gottes haben wir Zugang zum Vater, wir dürfen zu ihm kommen in allen Nöten, wir dürfen ihm vertrauen wie ein Kind seinem Vater vertraut. Doch diese Kindschaft verpflichtet uns auch. Wir sollen leben als Kinder des Lichts, nicht als Kinder der Finsternis. „Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Epheser 5,8-9).

Der Heilige Paulus schließt diesen Segenswunsch mit einem Lobpreis auf Gott: „dem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ All dies, die Gnade, der Friede, das Opfer Christi, unsere Errettung, geschieht zur Ehre Gottes. Nicht zu unserer Ehre, nicht damit wir uns rühmen können, sondern damit Gott verherrlicht werde. „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Römer 11,36). Dies ist das letzte Ziel aller Dinge: die Herrlichkeit Gottes.

Wenn wir dies verstehen, geliebte Geschwister, dann verändert es unser ganzes Leben. Wir leben nicht mehr für uns selbst, sondern für Gott. Wir suchen nicht mehr unseren eigenen Ruhm, sondern seinen. Wir fragen nicht mehr: Was bringt mir das? Sondern: Was ehrt Gott? Dies ist die radikale Umkehr, zu der das Evangelium uns ruft. Es ist ein Tod des alten Menschen und eine Auferstehung des neuen.

Geliebte Geschwister, ich ermahne euch daher: Lebt als solche, die errettet sind aus dieser gegenwärtigen, bösen Welt. Lasst euch nicht wieder verstricken in ihre Netze, lasst euch nicht verführen von ihren Verlockungen. Lasst euch nicht wieder versklaven durch die Sünde. Die Sünde ist eine Macht! Sie wirkt aktiv und allgegenwärtig! Sie versklavt den Menschen!

Aber Christus befreit uns aus dieser Herrschaft! Er entreißt uns und reißt uns heraus aus der Gewalt des Bösen, des Satans, der der Herr dieser gegenwärtigen Weltzeit ist. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, den Jesus für uns kämpft – ein Kampf, der sein Leben fordert. So aussichtslos ist unsere Lage in dieser Welt, Geliebte im Herrn. Wir sind gefangen und versklavt unter die Macht des Bösen. Und nur auf eine Weise können wir gerettet werden: dass Jesus Christus uns dieser Gefangenschaft entreißt und uns in die Freiheit der Kinder Gottes führt.

Haltet fest an dem, was ihr empfangen habt. Prüft alles an Gottes Wort. Lebt in der Heiligung, zu der ihr berufen seid.

Doch ich weiß auch, dass dieser Weg schwer ist. Ich weiß, dass ihr täglich kämpft mit der Sünde, die noch in euch wohnt. Ich weiß, dass ihr oft müde werdet, dass ihr zweifelt, dass ihr strauchelt. Darum höret auch dies: Die Gnade Gottes ist größer als eure Sünde. Das Opfer Christi ist vollkommen. Ihr müsst nichts hinzufügen, ihr könnt nichts hinzufügen. „Es ist vollbracht“, hat Christus am Kreuz gerufen (Johannes 19,30). Eure Rettung ist sicher, nicht weil ihr stark seid, sondern weil Gott treu ist und weil ihr glaubt.

Darum: Steht auf, wenn ihr gefallen seid. Kehrt um, wenn ihr abgewichen seid. Kommt immer wieder zum Kreuz, wo Vergebung reichlich fließt. Lasst euch nicht vom Verkläger niederschmettern, sondern hört auf die Stimme des guten Hirten, der sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28).

Lebt in der Gemeinschaft der Gläubigen, tragt einander, betet füreinander, ermahnt einander in Liebe. Denn wir sind nicht allein auf diesem Weg, wir sind Teil des Leibes Christi, verbunden durch den einen Geist.

Und richtet euren Blick auf das Ziel: die ewige Herrlichkeit bei Gott„Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit“ (2. Korinther 4,17). Was wir jetzt leiden, ist nichts gegen das, was uns erwartet. Haltet aus, seid geduldig, bewahrt den Glauben bis ans Ende.

Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen. Amen.

Euer Diener am Evangelium Jesu Christi

Pater Berndt, lutheraner